Dann will ich doch mal meinen Spickzettel verbloggen, den ich mir gestern in der Kirche gemacht habe. Ja, richtig gelesen. Ich war in der Kirche. Mehr aus Neugier und Langeweile. Vielleicht auch aus Interesse. Weniger aus Glaube und dem Wunsch andere Menschen zu treffen.
Was jetzt folgt, ist ein spitzzüngiger, blasphemischer und gotteslästerlicher Beitrag und ich bitte alle die wegzulesen, die sich dadurch irgendwie angegriffen fühlen könnten.
Ich habe mich also gestern gerade so in meinen Sessel gepflanzt, wollte lesen und hörte draußen auf der Straße jemanden ein Weihnachtslied gröhlen. Und eigentlich wollte ich schon länger mal durch die Straßen wandern und die Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt fotografieren. Also habe ich mein Buch wieder weggelegt und habe mich in Schale geschmissen, habe mir meinen kleinen Fotoknirps gepackt und bin raus. Dann hatte ich noch meine Uhr vergessen, weil ich eigentlich vielleicht eventuell unter Umständen in die Christmette oder Mitternachtsmesse oder Weihnachtsmesse gehen wollte. Wenn es zeitlich irgendwie in meinen Plan passt...
Kurz nach halb 9 war ich dann also unterwegs. Ich habe diverse Schaufenster und die Straßenbeleuchtung fotografiert, ich war am See und habe die Überreste des Weihnachtsmarktes gesehen und ich habe am Lago noch den Weihnachtsbaum fotografiert, als ich schon fast wieder zu Hause war und dachte, dass ich nochmal an der Kirche vorbeigehen könnte, die direkt neben unserem Laden in der Fußgängerzone ist. Da auch andere Leute in die Kirche reingingen und ich Licht durch die Fenster gesehen habe, bin ich auch rein. Da war es viertel vor 10. Laut Internet sollte die Messe 22 Uhr beginnen. Laut Aushang an der Kirche und am Konstanzer Münster sollte die Messe erst 22.30 Uhr beginnen. Ich hätte also auch gewartet.
Drinnen spielte schon Orgelmusik. Ich schaute mich ein wenig um, war noch auf der Suche nach einem adäquaten Sitzplatz, als mir auch schon ein Liederbuch angereicht wurde und mir gleichzeitig "Frohe Weihnachten!" gewünscht wurde. Was antwortet man in einer Kirche, wenn einem da jemand "Frohe Weihnachten!" wünscht? Danke, ebenso? Ich habe keinen Plan. Ich sagte "Danke, das wünsche ich Ihnen auch!".
Mein Sitzplatz war dann ganz hinten. Da standen 4 Stühle direkt neben der Tür so ca. 2m hinter der letzten Stuhlreihe. Ich hatte den besten Platz - für meine Begriffe. Ich konnte alles sehen und auch alle sehen, die reinkamen
Und ein Mann, der hat mich wirklich fertig gemacht. Im übertragenen Sinne. Und das war der Moment, in dem ich mir einen Zettel suchen musste, um mir ein paar Stichpunkte zu machen, damit ich darüber bloggen können würde.
Er kam rein, tauchte seinen Finger ins Weihwasser, schlug ein riesiges Kreuz - Stirn, Bauch, rechte Schulter ganz außen, linke Schulter ganz außen - und (jetzt kommts) machte einen Bückling eine Verbeugung! Oh. Mein. Gott! Er blieb kurz stehen, hielt inne, schlug wieder dieses riesige Kreuz und machte nochmals diesen Bückling. Er ging nach links, da lag ein "Wunschbuch" (wenn ich das richtig gesehen hatte im Vorbeigehen), machte da das gleiche Theater nochmal! und ging dann wieder zum Mittelgang um auf halber Höhe nach vorn nochmal!!! das gleiche Prozedere zu machen! Ach du Schande! Wo bin ich hier nur gelandet?! Katholisch. Soviel war mir dann nach dem Weihwasserbecken schon klar.
Ein jüngerer Mann, der dann auch noch reinkam, tunkte seinen Finger auch ins Weihwasser, schlug ein kleineres großes Kreuz und malte sich dann noch eins direkt auf die Stirn. Ok. Ging alles ziemlich flott und fließend. Aber trotzdem: ist dieses Weihwasserbecken nicht ein unheimlicher Bakterien- und Keimpool? Jeder kommt rein, wäscht sich die Finger und hinterlässt irgendwas da drin...
Auf der linken Seite der Kirche war eine Kirchenbank Richtung Wand gestellt und die Möglichkeit, Kerzen anzuzünden. Da saßen Leute, sie schniefte und weinte wahrscheinlich, er saß daneben. Was mir da so aufgefallen ist, ist folgendes: Braucht man eigentlich eine Kirche oder jegliche andere Einrichtung, um an jemanden zu denken, der vielleicht tot, krank oder weit weg ist?! Ein kurzer Gedanke wie gesagt...
Dann gings auch schon los. Orgelspiel, Gesang, Ansprache. Diese Ansprache. Ach du liebes Bisschen! Der Pfarrer, Pastor, Priester da vorne sprach von Stress in der Arbeitswelt und meinte "Herr, erbarme Dich!". Äh? Er sagte außerdem, früher gab es auch keine Disko an Heiligabend und meinte "Herr, erbarme Dich!" - dabei zerriss er immer irgendwas. Nur was? Das treibt mich um! Und ganz ehrlich: der da oben kann da auch nix gegen machen. Nicht arbeiten gehen - kein Stress. Und wer keine Disko will an Heiligabend, der soll einfach nicht hingehen. Naja, ich war nun einmal hier...
Was mich ja so - nicht unbedingt genervt, aber schon irgendwie - gestört hat, war dieses salbadernde, leiernde Reden und diese unheimlich schwülstige Wortwahl. Oh jeee. Der Hall in der Kirche - wahrscheinlich vom Mikro extra noch mit Halleffekt unterlegt - hat dem Ganzen natürlich eine unglaubliche Größe und Imposanz verliehen. Kein Wunder, dass sich die Schäfchen immer klein und mickrig unter dem hängenden Jesus vorkommen... Und selbst wenn er es nicht gemacht hat, der Mann da vorn kam mir vor, als würde er immer mit erhobenem Zeigefinger sprechen.
Die Lieder, die da gesungen wurden, waren mir schon zum Großteil bekannt. Von der Melodie her auf jeden Fall. Nur der Wortlaut war meiner Meinung ein bisschen anders als der, den ich noch aus der Schule (lang, lang ists her) kenne... Es waren gläubigere Worte? Preisendere Worte? In der Schule, dachte ich, war das alles weltlicher...
Es gab natürlich noch was zu essen. Das Abendmahl, nehme ich an. Unter wohl vernehmbarem Knacken brach der gute Mann da vorn den Leib Christi in Stücke. Der arme Kerl! Und fast schon entschuldigend meinte er, dass nicht die Kirche uns einlade und auch nicht er selbst und auch nicht der Papst oder Bischof, sondern Jesus höchstselbst, mit ihm sein Brot zu teilen. Mit diesen Worten bat er seine Schäfchen nach vorn. Er verteilte die Oblatenstückchen, eine andere Frau ging mit nem Kelch rum und alle Umstehenden tunkten ihr Brötchen da rein und steckten es sich dann in den Mund. Ich wollte nicht an Jesus knabbern und bin sitzengeblieben - wie ca. 8 andere auch. Das hat mich dann schon ein wenig verwundert... Auch Ungläubige? Als sich dann die Schäfchen wieder setzen durften, nahm der weißbekuttete Mann da vorn einen herzhaften Schluck aus dem Kelch - darf der das? Warum durften die anderen nur titschen? Er trank auch ohne ein Wort darüber zu verlieren... Komisch.
Der Stempel auf dem Liederbuch besagte übrigens "Katholische Pfarrgemeinde der Alt-Katholiken". Uiuiuiui.
Ich bekam 2x die Hand geschüttelt vom Oberhirten. Ich glaube, das erste Mal nach dem Essen. Dann wurde nochmal gesungen, gelobpreist, gebetteltbeten und gesingsangt und dann war es schon fast vorbei. Und da ich ganz hinten, also am Ausgang saß, bekam ich gleich noch ein zweites Mal die Hand geschüttelt, diesmal zum Abschied. Verwunderlich war nur, dass der gute Mann schon beim ersten Händeschütteln meinte "Frohe Weihnachten und Auf Wiedersehen!". Äh? Und trotzdem gings noch weiter... Ich weiß
natürlich nicht, was er zu den anderen gesagt hat... Vielleicht dachte er ja tatsächlich, dass ich schon gehen wollte.
Mein Fazit:
1) Von Bekannten hörte ich öfter von schmissigen, lustigen, heiteren Gottesdiensten... Das, was ich erlebt habe, war schwülstig, salbadernd, preisend, lobend und für meine Begriffe heuchelnd. Weil wie gesagt: gegen Stress und ignorante Nachbarn hilft auch kein Gott im Himmel. Da müssen wir selber ran.
2) Ich werde nicht mehr in eine katholische Kirche gehen, wenn es nicht sein muss. Zum Anschauen vielleicht, aber nicht in irgendwelche Gottesdienste und sonstige Veranstaltungen. Schlechte Erfahrung beim ersten Mal
Vielleicht gehts ja auch anders... Aber gestern war nicht so toll.
3) Wenn ich es nächstes Jahr nicht vergesse, es nicht gerade Frösche regnet und ich Lust dazu habe, werde ich in die evangelische Kirche gehen. Die haben nämlich - habe ich heute erst gesehen - Bachs Weihnachtsoratorium! Ha! Wäre es das vielleicht gewesen, was ich erwartet habe?
4) Ich bin nur in die Dreifaltigkeitskirche gegangen, weil ich es nicht besser wusste, sie nah war und ich neugierig war, was da passiert - ich bin noch nie an Heiligabend in der
Kirche gewesen.
5) Ich bin für mich und mein Leben selbst verantwortlich. Alles was mir passiert, gewollt oder ungewollt, geplant oder nicht geplant, hat nichts mit göttlicher Fügung zu tun, sondern einfach mit Zufall. Wahrscheinlichkeit, Mathematik, Naturwissenschaft. Ich glaube an nichts. Nur an das, was ich sehe und anfassen kann. Es gibt keinen Gott. Heidenkind, ich. Atheistensmädel triffts eher. Agnostiker vielleicht.
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